
ESC Schweiz-Edition
Lys Assia, 1956: Die First Lady des ESC
Am Anfang war ein Schlagerwettbewerb. Und die Jury sprach: Es werde Lys Assia. Sie war die Schweizer Kandidatin der ersten drei Jahre Song Contest. Die Rupperswilerin, die mit bürgerlichem Namen Rosa Mina Schärer hiess, holte sich den Titel gleich im ersten Anlauf. Böse Zungen behaupten es sei Anfängerglück oder der klassische Heimvorteil gewesen, aber 1958 bewies Lys mit dem zweiten Platz das Gegenteil. An dieser Stelle ein bisschen ESC Insiderwissen: Der erste Contest in Lugano war der einzige, bei dem die Künstler:innen zwei Lieder vortragen durften. Wie Lys’ zweiter Titel «Das alte Karussell» bewertet wurde, ist nicht überliefert. Mir persönlich gefällt dieser aber besser: Im Lied drückt nämlich ihr Deutschschweizer Akzent ziemlich heftig durch. Niemals hat jemand das Wort Karussell so heimelig ausgesprochen. R.I.P. Miss Assia und: Chapeau!
Von mir gibt es dafür, das ist Ehrensache, 12 Punkte. Oder, wie es ein Kommentar auf Youtube treffend ausdrückt: No one can cancel elegance. Genau.
Wie sich die Zeiten ändern: Über 150 Millionen Menschen sehen den ESC mittlerweile am Bildschirm. Du willst dieses Jahr ganz nah dran sein? Kein Problem: Die SBB bringt dich die ganze Woche bequem und umweltfreundlich mitten nach Basel - und wieder zurück.
Egal aus welcher Ecke der Schweiz du anreist.
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Peter, Sue & Marc, 1976: Schweizer ABBA mit einem Hauch Exotik
Mit «Djambo Djambo» ging die Schweiz 1976 an den Start und war damit erstaunlich erfolgreich: Platz 4 in Den Haag für Peter, Sue & Marc, liebevoll (und ein wenig illusorisch) ABBA der Schweiz genannt. Auf der Bühne stand neben den drei Künstler:innen auch ein Clown mit einer Drehorgel, der den besungenen Djambo Djambo mimte. Ich glaube ja, die Wahl des Songtitels war ein Versuch, um jeden Preis einen möglichst anders klingenden Namen einzubauen. Nach dem Motto: Exotik sells – auch wenn es dann nur um einen alten Zirkusclown ging.
Trotz der relativ guten Platzierung, die «Djambo Djambo» damals ergatterte, kann ich mir nicht mehr als 3 Punkte abringen. Vielleicht liegt es auch einfach an meiner tiefen Abneigung gegen Clowns.
Pepe Lienhard Band, 1977: Swissness auf Steroiden
Im Jahr darauf setzte die Schweiz dann statt auf Exotik auf die volle Ladung Swissness: Für «Swiss Lady» performte die Pepe Lienhard Band ganz in modisch fragwürdigen rot-weissen Tenues, Jodeleinlagen und Alphorn durften auch nicht fehlen.
«Swiss Lady» kratzt zwar hart an meiner Fremdschäm-Limite, aber irgendwie überzeugt der Song dann doch mit definitivem Ohrwurmpotenzial: 8 Punkte.
Carol Rich, 1987: Von der Liebe (zum Fondue?)
Ich verstehe genug Französisch, um zu wissen, dass es in Carol Richs «Moitié Moitié» um Liebe geht. Aber vor meinem inneren Auge sehe ich jedes Mal nur ein dampfendes Fondue. Vielleicht tue ich der guten Carol damit Unrecht, die gibt auf der Bühne nämlich alles – zusammen mit ihren fröhlich hüpfenden 80s-Freunden. Beim nächsten Fondueplausch jedenfalls, werd’ ich den Song auf jeden Fall zum Besten geben: «L’amour, c’est moitié moitié. Toujours, c’est moitié moitié!».
Halb halb lautet auch mein Urteil: 5 Punkte für Carol Rich, die sich doch einmal eine Partnerschaft mit Gerber überlegen sollte.
Annie Cotton, 1993: Aufs Treppchen mit einer Rock-Ballade
In den 90ern ist die Leistung der Schweiz gelinde gesagt enttäuschend. Ich finde weder Pop-Perlen noch dramatische Auftritte. Zweimal qualifiziert sich die Schweiz gar nicht erst fürs Finale. Alles in allem ein unterstimulierendes Jahrzehnt in der Schweizer ESC-Geschichte. Vielleicht war nach dem sensationellen Sieg von Céline Dion 1988 einfach die Luft draussen. Einzig Annie Cotton sticht mit der rockig unterlegten Ballade «Moi tout simplement» heraus. Die damals erst 17-Jährige hat eine Stimme, die einen umhaut. Dafür gab’s dann auch Platz 3.
Für die beeindruckende Leistung gebe ich dem sonst leider etwas langweiligen Beitrag von Annie Cotton sehr solide 9 Punkte. Etwas mehr Tam-Tam hätte dem Auftritt gutgetan, wir sind hier schliesslich beim ESC.
Eurovision Song Contest, das ist nicht nur das grosse Finale.
Das vielseitige Nebenprogramm macht Basel zum place-to-be: Openairbühnen, Public Viewings, Essensstände, Clubs etc. Damit du auch nachts bequem und sicher nachhause kommst, setzt die SBB diverse Extrazüge ein.
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Those who must not be named: Die dunklen Jahre
Auch die 2000er waren eine bittere Zeit für die Schweiz. Beginnen wir bei Piero Esteriore and the Music Stars. Wow, dieser Auftritt hatte alles: Freche Dancemoves, bunte Outfits, gewagte Frisuren und ganz ganz ganz viel Enthusiasmus. Das Kinderdisco-Konzept von «Celebrate!» kam bei der aus Erwachsenen bestehenden Jury nicht so gut an. Im Jahr darauf belegte die estnische Rock Band «Vanilla Ninja» Platz 8 für die Schweiz und bot einen harten Kontrast zu den Gute-Laune-Vibes des Vorjahres. «Cool Vibes, why don’t you kill me». Ui. Aber zugegeben: Die vier Frauen hatten schon ziemlich coole Vibes mit den Gitarren und den Nieten und den gefärbten Strähnen und so. Der Rest im Schnelldurchlauf: Six4One – Wenn «We are the World» auf AllSaints’ «Never Ever» trifft. DJBobo singt über Vampire – gewagt gescheitert. Michael von der Heide, «Il pleut de l’or» – die Prophezeiung (oder war es ein Flehen?) hat sich nicht erfüllt.
Zusammengefasst: Der Anfang des neuen Millenniums brachte weder Ruhm noch Ehre, dafür ganz viel Unterhaltungswert. Von mir gibt’s dafür kollektive 12 Punkte – auf die 10 Jahre verteilt natürlich.
Takasa, 2013: Heilsarmee am ESC
Takasa war ein lustiges Experiment. Ich begrüsse Experimente ja sehr, vor allem am ESC. Irgendwer hatte die Idee, sechs Mitglieder der Heilsarmee zu einer Band zu formen und zu Eurovision zu schicken. Das Experiment hat nicht funktioniert. Vielleicht war die Welt noch nicht bereit. Vielleicht gut so. Einen Rekord hat Takasa trotz frühem Ausscheiden allerdings gebrochen: Emil Ramsauer am Kontrabass war mit unglaublichen 95 Jahren der älteste Mensch, der je am ESC aufgetreten ist.
Es tut mir leid, für Emil würde ich gerne einen Ehrenpunkt geben, aber ich muss fair bleiben: 0 Punkte für diese absurde Vision.
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Luca Hänni, 2019: Retter des Volkes
Luca Hänni, der Schweizer Justin Bieber, verhilft der Nation aus dem Loch in dem sie seit 1998 steckt. Der Radio Hit «She got me» überzeugt zwar nicht unbedingt mit dem Text, der teilweise so versimplifizert ist, dass es sich kaum noch um ganze Worte handelt, dafür sind Lucas Tanzeinlagen im Usher-Style umso gewinnender. Der Song wurde im Radio auf und ab gespielt und hing allen irgendwann aus den Ohren, so wie das eben ist mit Hits.
Wir müssen Luca dankbar sein. Auch wenn ich den musikalischen Wert seines Beitrags eher tief einstufe, Hit bleibt Hit. Dafür vergebe ich gerne 6 Punkte.
Gjon’s Tears, 2020 & 2021: Zum Weinen schön
Gjon hätte bereits 2020 für die Schweiz antreten sollen. Eine gewisse Pandemie hat ihm dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. 2020 abgesagt, 2021 brilliert. Selten war ein Lied am ESC so makellos gesungen worden. Gjons Tonsicherheit selbst in den höchsten Höhen verschlägt einem die Stimme. Die Bronzemedaille hat sich der Fribourger verdient und «Tout l’univers» hat’s gesehen.
Ich hoffe meine 10 Punkte wischen Gjons Tränen ganz schnell weg.
Nemo, 2024: Was kann jetzt noch kommen?
Nemo hat den Code (oder sollte ich Fluch sagen?) tatsächlich gebrochen: Die Schweiz ist wieder Grand Winner! Nemo reiht sich neben Lys Assia und Céline Dion in die Riege der Schweizer ESC-Gottheiten ein. Mit einer epischen EDM-Oper hat es Nemo geschafft, an die Utopie des ESC anzuknüpfen und gleichzeitig eine politische Aussage über Freiheit und Toleranz zu machen.
Bravo, Nemo! Ich gebe 11 Punkte, in der Hoffnung, dass das Beste noch auf sich warten lässt. Vielleicht schon im Mai mit unserer diesjährigen Repräsentantin Zoë Më.
Mein Fazit: Schlecht haben wir uns bisher nicht geschlagen. Der eine oder andere musikalische Ausrutscher gehört schliesslich zum Contest genauso dazu, wie der ganze Trubel rund um das Ereignis. Unabhängig davon, wie die Schweiz 2025 am ESC abschneidet, wird in Basel gefeiert werden. Denn am ESC gilt: Dabei sein ist alles – aber Gastgeber sein ist besser.
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit SBB entstanden.