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16 Okt. 2025
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ALLES IST KUNST! oder: wie ein «laie» zum künstler wird

ALLES IST KUNST! oder: wie ein «laie» zum künstler wird

die kunstgeschichte des letzten jahrhunderts ist ein einziger grosser verweis darauf, dass alle künstlerinnen und künstler sein können und alles kunst ist (elsa von freytag-loringhovenmarcel duchampjohn cageandy warholyoko onojosef beuysalison knowlesguy debord, etc.pp.) 

mit web 2.0 sind nun endgültig die voraussetzungen geschaffen, dass sich diese anzeichen im bewusstsein der massen einnistet. im unkuratierten setting von youtube, facebook & co. sind alle ganz selbstverständlich künstlerinnen und künstler (und natürlich auch alle kuratorinnen und kuratoren; dazu folgt vielleicht später mal ein blogeintrag)

diese veränderung vollzieht sich schleichend, entwickelt in ihrer radikalität jedoch revolutionäre züge. deshalb interessierte mich diese these als ko-direktor des cabaret voltaire ausserordentlich. hier ist ein ähnlich verstörender geist zu finden, wie damals, als die dadaisten auf den bühnen stotterten und aus papierschnippseln collagen machten. Damals, als noch das künstlerische Handwerk, das schöne Gedicht und die nette Landschaftsmalerei, das Mass aller künstlerischen Dinge waren. 
weil in der zürcher kulturlandschaft nur berechenbares finanzierbar ist, blieb es mir leider vorenthalten, diesen ansatz in die tat umzusetzen (es ist aber auch möglich, dass ich dafür genau diesen «kick» benötigte: nicht mehr in ein system eingebunden zu sein, das jegliche störung zu verhindern versucht)

vor ein paar monaten wurde ich eingeladen, an einer ausstellung teilzunehmen. wie so oft, stellte ich mir dabei nicht die frage, in welcher rolle ich angefragt wurde (die naheliegendsten wären als künstler oder kurator). ich wusste nur eines: ein, aus der sicht des kunstsystems, «laie» soll ein kunstwerk kreieren. 

das setting sollte so sein, dass die person die ich einlade, vom kunstumfeld möglichst nicht eingeschüchtert ist. dies vor allem mit der absicht, dass sie nicht auf die idee kommt, in einem klischierten sinne «schöne kunst machen zu wollen» (z.b. «ein schönes bild malen»). des weiteren sollte bei der auswahl der person der zufallsfaktor eine grosse rolle spielen.

davon ausgehend entwickelte ich das konzept, dass ich für die künstlerische intervention eine wand zwischen zwei räumen zur verfügung haben möchte. in diese wand soll dann ein zufällig anwesender handwerker (die chance, dass es eine künstlerin sein wird, war dadurch leider sehr klein;) ein loch machen; egal wie gross und ob mit dem vorschlaghammer oder mit dem bohrer. ganz wichtig war mir jedoch, dass er dies als künstlerischer akt tat.

als ich am 3. juni den ausstellungsort betrat und die handwerker traf, ging alles erstaunlich schnell und reibungslos. dino frontera schlüpfte unhinterfragt und voller freude in die rolle des künstlers und überraschte mich mit einem resultat, das ich so nicht erwartet habe (auflösung siehe ausstellung; oder später in diesem blog)

zurück bleiben natürlich viele fragen:
- ist die ausgangslage (viel) zu eng, um von der freiheit der kunst auszugehen?
- bestand zu arg eine art klassisches auftragsverhältnis?
- ist es ein zufall (und als solcher eine ausnahme), dass dino frontera derart selbstverständlich in die rolle des künstlers schlüpfte?

es ist mir jedoch ein grosses anliegen, dass ich besonders im kunstumfeld fragwürdiges zustande bringe.


der künstler DINO FRONTERA

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die noch unbearbeitete wand

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