
Heul doch! Neu ist nicht besser

Was jahrzehntelang als Goldstandard galt, kann heute doch nicht mehr gut sein. (Quelle: Erstellt mit Google Gemini)
Ich liebe unsere Craft-Brauer. Sie haben uns aus dem Lagerbier-Korsett befreit und uns in ein Bier-Paradies mit unzähligen Bierstilen geführt. Nur scheint sich das Rad inzwischen immer schneller zu drehen. Ein gutes IPA genügt längst nicht mehr. Das Motto lautet: stärker, hopfiger, trüber, alkoholreicher.
Mittlerweile übertrumpfen sich die Brauer bei Alkoholgehalt, Hopfungsgrad und Zutaten. Das führt zu Bieren wie Quadruple-IPAs mit massiver Hopfenmenge und Alkoholgehalten von über 11 Prozent, die eher an zähflüssigen Kräuterlikör als an Bier erinnern. Oder zu hochprozentigen Pastry-Stouts mit Schokolade, Kaffee, Sirup und Honig, die problemlos als Dessert durchgehen würden.
Es stellt sich die Frage: Will man das beste Bier brauen – oder einfach das auffälligste?
Ich wünsche mir mehr Brauer, die sich wieder auf Trinkbarkeit, Balance und Eleganz konzentrieren und einen «Klassiker» erschaffen wollen, von dem man noch in Jahrzehnten spricht. Je länger, je mehr, greife ich einfach wieder zu einem Appenzeller Quöllfrisch, einem Ittinger Amber, einem Guinness oder einem belgischen Chimay. Da weiss man, woran man ist: Handwerk ohne Schaumschlägerei.

Experimente sind okay, das Ziel sollte aber ein Klassiker sein. (Quelle: Erstellt mit Google Gemini)
Dasselbe beobachte ich bei Whisky, Wodka oder Gin. Wer heute einen etablierten Klassiker bestellt, erntet in Expertenkreisen ein mitleidiges Lächeln – zu schwach, zu wenig komplex, zu langweilig. Dabei greife ich lieber zu einem Wild Turkey 101, zu einem Johnnie Walker Black Label, zu einem Glenfiddich 15, zu einem Tanqueray London Dry Gin oder einem ehrlichen Wyborowa-Wodka. Denn hier stimmen Balance, Geschmack, Trinkbarkeit – und vor allem der Preis.

Muss ein Whisky wirklich in vier verschiedenen Fässern gelagert werden?
Der Preis ist sicher einer der Gründe, wieso ständig neue, scheinbar bessere, innovativere Produkte den Markt überschwemmen. Einen J&B Rare, der seit fast einem Jahrhundert verlässlich liefert, kann man nicht plötzlich zum doppelten Preis vertreiben. Eine limitierte Edition mit Fass-Finish-Marathon, exotischen Gewürzen und einer dramatischen Entstehungsgeschichte verkauft sich dagegen schön teuer.

Zwar keine Altersangabe für den Whisky, aber «limitiert» und Harrison Ford reichen für einen Preis von über 90 Franken
Hinzu kommt unsere Medienwelt: Produkte werden heute über YouTube, Social Media, Blogs und Fachmagazine verkauft. Sie alle leben von Neuheiten. Welcher Influencer will schon darüber reden, dass ein Standard-Blend seit fünfzig Jahren verlässlich gut schmeckt? Das bringt keine Klicks. Neue Inhalte sorgen für neues Material. Darum führen jedes Jahr noch tollere, speziellere Produkte die Rankings an. Heute gefeiert, morgen vergessen.
Mittlerweile habe ich ein einfaches Rezept: Ich greife lieber zu Klassikern und gönne mir gelegentlich ein Experiment. Das schont den Geldbeutel und die Geschmacksnerven.
