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Ron Orp
Ideenentwicklung über den Tellerrand

Ideenentwicklung über den Tellerrand


Wer DasProvisorium in der Binz sucht, muss eigentlich nur der Nase folgen. Bereits im Treppenhaus schlägt mir der Duft von frischen Backwaren entgegen. Im zweiten Stock angekommen kommt noch ein Hauch von Schokolade dazu. So ungefähr muss es auch in Charlie’s Chocolate Factory riechen. Nicht der schlechteste Ort, um seinen Laptop aufzuklappen und Emails zu checken. «Es riecht aber nicht immer so.» Kaum dass ich den riesigen Co-Working-Space betreten habe, holen mich die Gründer Fred Schaerlig und Sven Friese auch schon auf den Boden der Tatsachen zurück. «Je nachdem in welchem Stadium des Produktionsprozesses sich die Schoggi gerade befindet, kann es schon mal nach Essig oder Käse riechen.»

 

 

Auch nicht ganz unpassend. Denn im Gegensatz zu anderen Co-Working-Spaces liegt der Fokus im Provisorium ganz klar auf den Themen Food und Nachhaltigkeit. Da verwundert es nicht, dass neben der Schoggimanufaktur von La Flor auch Food-Startups und -unternehmen wie Seri Backwaren, Slow Food Schweiz, das Hanf-Startup AlpenPionier oder die Visual Storytellerinnen von Nom Nom ihre Arbeitsplätze ausgerechnet in die Binz verlegt haben. «Wir sind so an die 20 Leute hier. Manche haben einen fixen Arbeitsplatz, wie in einem Atelier. Andere nutzen die Flex-Plätze und sitzen mit ihren Laptops an den grossen Tischen», erklärt Fred.

 



Nach einer Zwischennutzung in der Lessingstrasse, hat DasProvisorium sein neues Zuhause Anfang des Jahres in den leerstehenden Produktionsräumen der «alten Conditorei» Buchmann bezogen. Fast ein ganzes Stockwerk überliess der Bäckereibetrieb den Co-Workern. Einen passenderen Ort für ihr Food-Projekt hätten Fred und Sven wohl kaum finden können. Denn in den loftartigen Büroräumlichkeiten liegt dank Buchmann und La Flor nicht nur ein permanenter Zopf- und Schoggigeruch in der Luft – sondern auch jede Menge Kreativität. Die kommt vor allem dann zur Entfaltung, wenn in der offenen Küche das Gemüse vor sich hinbrutzelt und sich die Co-Worker am grossen Mittagstisch zum gemeinsamen Zmittag versammeln. «Genau dann entsteht das Ungeplante. Die Leute sind entspannt, sie erzählen von ihren Ideen – und ein neues Projekt kommt heraus.» Ideenentwicklung über den Tellerrand hinaus. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 



Natürlich könnten viele der Co-Worker ihr Office auch einfach zuhause aufschlagen und in den eigenen vier Wänden über ihren Ideen brüten. Doch spannend werde es eigentlich immer erst dann, wenn man sich mit anderen innovativen Köpfen austauschen kann, wie Sven betont: «Der Mehrwert des Netzwerks besteht darin zusammenzusitzen und die Synergien zu nutzen. Genau das war unsere Intention.»

 



Darin spiegelt sich auch der Grundgedanke hinter dem Konzept wider: der Energie, die bei Stammtischen im Foodbereich entsteht, einen Ort zu geben. Genau bei einem solchen Stammtisch hatten sich Fred und Sven vor Jahren kennengelernt – und dabei festgestellt, dass die Energie nach den Treffen oft wie verflogen war. «Und da dachten wir, dass es einen Ort braucht, wo wir sie im Alltag festhalten und bündeln können. Eine Art Heimat.»




Geboren wurde das Projekt als Fred die Räumlichkeiten, welche er jahrelang für seine «Kunstkantine» genutzt hatte, aufgeben musste – und zeitgleich das Angebot zur einjährigen Zwischennutzung der 500 m² grossen Shedhalle im gleichen Gebäude kam. Dass das Projekt unter dem Namen DasProvisorium stehen würde, lag für die Gründer auf der Hand: «Zum einen wussten wir nicht, wie es nach dem Jahr weitergehen würde. Zum anderen handelt es sich bei den projektbezogenen Konstellationen zwischen den Co-Workern gewissermassen auch um provisorische Projekte. Und wie sagt man so schön: ‹Nichts hält so lange wie ein Provisorium.›»

 



Zwar gibt es DasProvisorium erst seit knapp eineinhalb Jahren. Doch das Projekt ist jetzt bereits drauf und dran, sich vom vorübergehenden Co-Working-Space zum dauerhaften Place to be der Zürcher Foodszene zu entwickeln. Wurzeln schlagen? Nicht ausgeschlossen. Der erste Schritt dorthin ist mit der Umwandlung zum Verein bereits getan. Denn längerfristiges Ziel ist es, auch Projekte ausserhalb des Co-Working-Konzepts zu fördern. «Wir wollen wachsen, wir haben eine Vision», bemerkt Fred. «Wenn wir das Haus zeichnen dürften, wäre da alles mit drin: ein Community-Teil, ein Bildungsteil, Innovationsevents, Produktion, ein Shop.» Und dass das Beziehen dieses Hauses nicht zwangsläufig mit einem weiteren Umzug verbunden ist, lässt Fred in einem Nebensatz aufblitzen: «Wir haben die Hoffnung, in diesem Gebäude hier wachsen zu können.»

 



Doch ganz egal wohin die Reise geht, eins steht für Fred und Sven fest: „Der Name bleibt“. Auch wenn DasProvisorium sich in ein paar Monaten zum Definitivum gemausert haben sollte. Definitivum? Laut Wikipedia das Gegenteil von Provisorium. Tönt aber auch wirklich blöd, oder?

Fotos: Nadine Kägi