
Mehr als arbeitsfrei und «Bulle schlah»: 10 Dinge, die du über den 1. Mai wissen solltest
Weltweit
Warum am 1. Mai?
1886 streikten Arbeiter:innen für den 8-Stunden-Tag (damals eher 12-14), und das Ganze eskalierte blutig. Der 1. Mai war nicht zufällig gewählt: Dieses Datum wurde auch «Moving Day» genannt. Es war der Tag, an dem Arbeitsverträge ausliefen und neu geschlossen wurden. Zum Gedenken an die Opfer des Massakers und zur Fortführung des Kampfes der Arbeiterschaft wurde 1889 auf dem Arbeiterkongress in Paris zu einer internationalen Demonstration am 1. Mai aufgerufen. Arbeiterorganisationen vieler Länder folgten diesem Aufruf im darauffolgenden Jahr.
Blumen statt Banner
Weil im 19. Jahrhundert Fahnen und Banner verboten waren, wurden eben Blumen zum politischen Statement. Man heftete sie sich ans Revers oder steckte sie in ein Knopfloch, um Gleichgesinnte zu erkennen. Besonders beliebt: Die rote Nelke – günstig, auffällig und revolutionär erprobt. Zwar war die Rose schon lange ein Symbol der Sozialist:innen, doch sie war wohl teurer und weniger verfügbar als die bescheidene Nelke. Ausserdem erinnert die Nelke auch an die Französische Revolution, wo Verurteilte die Blumen als Zeichen der Unerschrockenheit bei ihrer Hinrichtung trugen. Das naheliegende Maiglöckchen wurde ebenfalls als Erkennungsmerkmal getragen, konnte sich im revolutionären Blumenbattle aber nicht durchsetzen.
Tag der Arbeit vs. Labour Day
Dass die USA für alles ihre eigene Masseinheit brauchen und zur Verwirrung des Rests der Welt stur daran festhalten, ist bekannt. Auch beim 1. Mai wollten die USA eine Extrawurst: Sie feiern den Labour Day am ersten Montag im September – mit ähnlichem Hintergrund, aber anderer Tradition. Auch Kanada, Australien und Neuseeland feiern den Tag der Arbeit im Herbst statt im Frühling.
Die Kirche mischt trotzdem mit
Bei so einem grossen Ereignis wollte die Kirche dann doch irgendwie etwas vom Kuchen abbekommen: 1955 erklärte Papst Pius XII. den 1. Mai zum Gedenktag Josefs des Arbeiters – dem biblischen Bauhandwerker und Schutzpatron der Arbeitenden. Ein strategisch sicher sinnvoller Schachzug der Kurie.
Fun Fact am Rande
Ebenfalls strategischerweise wurde am 1. Mai 1931 das Empire State Building eröffnet – als architektonisches Symbol für Arbeitskraft und Fortschritt. Es war damals mit 381 Metern das höchste Gebäude der Welt.
In der Schweiz
Lange Tradition
Helvetia feiert zuverlässig: Seit 1890 finden in der Schweiz ununterbrochen jährliche Maifeiern statt, eine Ausnahme in Europa. Um teilnehmen zu können, erhielten die Arbeiter:innen vielerorts einen unbezahlten Freitag. Daher kommt die ein wenig paradoxe Tatsache, dass der Tag der Arbeit ein Tag ist, an dem die meisten Leute eben gerade nicht arbeiten.
Noch längere Tradition
Wie so oft vermischt sich auch in den 1.-Mai-Festen Politisches mit Brauchtum. Frühlingsrituale wie Maibäume, Walpurgisnacht und Co. wurden von den Arbeiterbewegungen teilweise übernommen und in einen aktivistischen Kontext integriert. Solche Bräuche reichen in vielen Fällen bis ins Mittelalter zurück.
Kantönligeist
In der Schweiz gibt es nur einen einzigen nationalen Feiertag, den 1. August. Alle anderen werden von den Kantonen geregelt. Deshalb ist der 1. Mai in nur acht Kantonen (Zürich, Basel Stadt & Land, Jura, Neuenburg, Schaffhausen, Thurgau und Tessin) gesetzlicher Feiertag. In Basel bereits seit 1923. Übrigens: Die meisten Feiertage gibt’s im Kanton Tessin. Nur so, falls du über einen Umzug nachdenkst.
In Zürich am grössten
Am meisten Teilnehmende und das dichteste Nebenprogramm zum 1. Mai gibt es in der Stadt Zürich. Dort organisiert das 1.-Mai-Komitee seit 1980 das Fest. Der dreitägige Event ist damit die grösste Polit- und Kulturveranstaltung der Schweiz. Mit rund 50 verschiedenen Organisationen im Komitee sind auch die Inhalte und Forderungen breit aufgestellt.
Von wegen nur Krawall
Entgegen der allgemeinen Meinung verläuft der 1. Mai seit einigen Jahren auch in Zürich grösstenteils friedlich. Unvergessen bleibt der legendäre Beitrag von TeleZüri zu den Ausschreitungen im Jahr 2009. So kommt mir beim 1. Mai trotzdem noch vor allem eines in den Sinn: «Ich will eifach Bulle ga schlah.» Aber wir lernen aus demselben Beitrag auch etwas sinnvolles, denn: «Was möcheder wenns wider chlöpft, springeder devo?» «Nei, denn hauemer ab.» Ist doch klar.
