
Was steckt hinter dem Apple-Kult?
Furchtlose Menschen, fruchtlose Zukunft
Lange galt er als ziemlich langweilige Frucht, der Apfel. Wurde er dazu aufgefordert, doch mal etwas über sich zu erzählen, stammelte er verlegen etwas von „gesund“ und „bio“. Mehr war da nicht. Die turbulenten Zeiten um Adam, Eva und Wilhelm waren längst vorbei. Jetzt vegetierte der Apfel zwischen Bauernhöfen und Ladengestellen vor sich hin.
Dann kam Heilsbringer Steve. Immer hatte er an den Obstklassiker geglaubt, sah ihn längst zu Höherem berufen. Ein Allzweckmittel werde er einst sein, ein Tausendsassa sondergleichen, die längst aufgegebene, eierlegende Wollmilchsau. Und so wurde der Apfel aufgemotzt. Bald konnte er schreiben und rechnen, bald ein bisschen mehr. Die meisten Menschen verstanden das nicht. „Wozu soll das gut sein? Wir haben doch schon Fenster“, wunderten sie sich.
Diese Bedenken und dieses Unbehagen währten lange Zeit. Bis es dann plötzlich klappte mit dem Eierlegen. Da steckte zwar ein billiger Trick dahinter (jedem Apfel wurde einfach ein Ei vorangestellt). Aber egal. Jetzt gab es kein Halten mehr. Steves Ei-Äpfel, unwichtig wie gross und wie gut, waren plötzlich überall anzutreffen. Vor allem bei Starbucks. Mit dem Ei kam die Coolness. Was nun zuerst da war, der Apfel oder das Ei, diese Frage war unwichtig.
Am Ei-Apfel hatten sie alle Freude: Kind und Kegel, Junge und Yuppies, Laien und Frauen. Und die Orange, die früher mal Apfelsine hiess, war begeistert, weil die neuen Äpfel über ihr Netz liefen. Einzig die Brombeere sah plötzlich steinalt aus, fühlte sich veräppelt.
In allen Städten der Welt schossen Obstbäume in Form von Apfelläden wie Pilze aus dem Boden. Ausser in Pjöngjang, dort nicht. Und etwa einmal im Jahr, immer wenn die knackige Frucht wieder neu erfunden wurde, strömten die Massen herbei und schlugen ihre Zelte auf. „Woodstock, pah, kann man das essen?“, spotteten die Apfel-Jünger.
Nach vielen Jahren wurde es dem Apfel dann zu bunt. Schliesslich gab es ihn nicht mehr nur in leuchtendem Rot und Grün, sondern auch in Rosa, Lila und Magenta. „Das geht mir auf den Geist“, klagte er in dieser Zeit oft. „Ich bin doch nur ein Apfel.“ Dazu das Ei: „Und ich nur ein englischer Buchstabe.“ Und auch die Menschen sahen das ein. Sie sagten Dinge wie: „Das ist nicht mehr mein Apfel, wie ich ihn einmal kannte“ oder „alles nur Kommerz!“ Und sie liessen den Apfel wieder Apfel und das Ei wieder Ei sein. Dafür umso mehr. Jetzt buken sie alle Strudel und assen Omeletten. Tagein, tagaus. Cool war das. Bis der letzte Apfel gepflückt und das letzte Ei gelegt wurde. Dann war auch mit der Retro-Welle Schluss.
Text: Silvan Kämpfen
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