
Welttag des Gin - Teil 1 (der «History-Channel-Teil» ...)

Vermutlich wurde am Ende des ersten Indiana-Jones-Films darauf angespielt. Am Ende von «Jäger des verlorenen Schatzes» (Raiders of the Lost Ark, 1981) wird die Bundeslade nach Washington D.C. gebracht. Anstatt sie – wie von Indy gefordert – in einem Museum auszustellen, versichern ihm zwei Regierungsbeamte nur, dass sich «Top-Leute» darum kümmern. Die legendäre Schlussszene zeigt dann, wie die Kiste in einer gigantischen, scheinbar unendlichen Lagerhalle voller identischer Holzkisten abgestellt wird und in der Anonymität versinkt.
Das Smithsonian (der größte Museumskomplex der Welt) stellt nur einen winzigen Bruchteil – meist um die 1 bis 2 % – seiner riesigen Sammlung von über 154 Millionen Objekten öffentlich aus. Der gesamte Rest lagert in gewaltigen, für die Öffentlichkeit gesperrten Archiven und Depots. Aus dieser Realität entstand in den USA der urbane Mythos vom «endlosen Smithsonian-Lager», in dem unbequeme Artefakte, mysteriöse Entdeckungen oder eben übernatürliche Relikte von Bürokraten in Kisten weggesperrt und absichtlich «vergessen» werden. Ich erwähne das alles natürlich nur, um meinem Kollegen Sascha die Indiana-Jones-Show zu stehlen … Nun aber zu Samanthas Schottland-Gin-Artikel.

Im Grundsatz führt sie aus, dass Gin und Tonic kein Zufallsprodukt von britischen Soldaten war, sondern eine lange Entwicklung von globalem Handel, Kolonialismus und medizinischer Forschung, bei denen Schotten eine massgebliche Rolle einnahmen.
Der schottische Arzt James Lind führte die erste medizinische Studie durch, die 1747 belegte, dass Zitrusfrüchte die Skorbut-Krankheit innerhalb weniger Tage heilen können. Das ist eine klassische Mangelerkrankung, die durch einen massiven und langanhaltenden Mangel an Vitamin C verursacht wird. Da Vitamin C der zentrale Baustein für die Produktion von Kollagen ist (quasi der «Klebstoff» unseres Körpers, der Haut, Blutgefäße und Knochen zusammenhält), führt ein Mangel dazu, dass das Gewebe sprichwörtlich zerfällt.

Ohne Behandlung führt Skorbut durch schwere innere Blutungen, Herzschwäche oder Infektionen unweigerlich zum Tod. Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert – im Zeitalter der grossen Entdeckungsreisen – war Skorbut die Todesursache Nummer Eins auf hoher See und raffte teils ganze Schiffsbesatzungen dahin. Auf monatelangen Fahrten gab es schlicht kein frisches Gemüse oder Obst, sondern nur Haltbares wie Pökelfleisch und Schiffszwieback.
Ein weiterer schottischer Arzt, George Cleghorn, bewies als Erster wissenschaftlich die medizinische Wirkung von Chinarinde (der Quelle von Chinin) zur Vorbeugung von Malaria. Häufig wird erzählt, dass britische Soldaten in Kolonial-Indien im 19. Jahrhundert Gin mit bitterem Chinin-Wasser mischten, um ihre tägliche Malaria-Medizin geniessbar zu machen. Historiker stellen jedoch klar, dass der Gin und Tonic nicht als feste Armeeration erfunden wurde.

Was ebenfalls half, war Kohlensäure, die den pH-Wert des Wassers senkt, es also leicht sauer macht. In dieser sauren Umgebung können sich viele Krankheitserreger und Bakterien kaum vermehren. Auf langen Schiffsreisen oder in Städten mit verunreinigtem Brunnenwasser war stilles Wasser in Holzfässern oft nach wenigen Wochen eine faulige, lebensgefährliche Keimbrühe. Karbonisiertes Wasser hingegen blieb monatelang frisch und geniessbar. Es schützte die Menschen also indirekt vor Cholera und Ruhr. Heute wird Kohlensäure von manchen fälschlicherweise als Übersäuerer des Körpers verteufelt, während sie damals als das ultimative, reinigende Lebenselixier gefeiert wurde.
Noch zur Neuzeit: Ein wichtiger Wendepunkt der schottischen Gin-Industrie war 2009 die Abschaffung einer alten britischen Regulierung, nach der Gin-Brennblasen mindestens 1800 Liter fassen mussten. Dies ebnete den Weg für kleine Mikrodestillerien. Zwischen 2014 und 2019 verdoppelte sich die Zahl der Destillerien im Vereinigten Königreich. Moderne schottische Produzenten wie Edinburgh Gin kombinieren seither klassische, weltweit importierte Botanicals mit lokalen Zutaten wie Mariendistelsamen oder regionalen Beeren.
Das wars mit Teil 1. Nächstes Mal wird getrunken und Buch geführt ... Cheers!
